Mittwoch, 19. November 2014

Der Mond ist aufgegangen: Totengebet modern

Totenbeten war in unserem kleinen, abgeschiedenen Dorfe eigentlich immer ganz einfach: Bis es 1966 eine Totenhalle an der Kirche gab, betete man an den drei Abenden vor der Beerdigung im Trauerhaus mit den Nachbarn am Sarge den schmerzhaften Rosenkranz, gefolgt vom Ame-Seelen-Gesätz*. 
Mit Einführung besagter Totenhalle wurde das Beten in die Kirche verlegt, erfolgte aber nur noch einmal am Abend vor dem Begräbnis. Als Ende der 1990iger Jahre die Vorbeterin, bei der das Beten auch "bestellt" wurde, verstarb, verschäfte sich die Situation. Man suchte nicht nach einer Nachfolgerin, sondern  einige Damen des "Müttervorstandes" übernahmen das Geschäft. Ab sofort wurde kreativ gestaltet: Gesätze wurden nur halb gebetet, Lieder eingestreut, etc. Besagtes Arme-Seelen-Gesätz war ab sofort tabu. Vor etwa 3 Jahren nun wurde das Totenbeten durch eine im Orte wohnende studierte Theologin und Organistin, sowie durch einige ihrer Bekannten übernommen. Seither sinkt das Niveau bedenklich. Statt für den Verstorbenen zu beten, ergeht man sich großteils in meditativen, aber bedeutungslosen Texten. Der Rosenkranz wird überhaupt nicht mehr gebetet, da ihn "die Leute als langweilig empfinden und das so ja auch schöner ist, mit mehr Abwechslung." Aha. Gestern nun war wieder Totenbeten. Mit 90 Jahren war mein Nachbar und unser aller Gastwirt in die Ewigkeit gegangen, der übrigens Zeit seines Lebens trotz der Gastwirtschaft nie in der Kirche fehlte.
Schon vor Beginn der "Veranstaltung" hatte der "große Plumps" stattgefunden. Die kirchlich nicht mehr sozialisierte Familie und Verwandschaft sowie der Rest der nicht gerade zahlreichen AnwesendInnen hatte sich gesetzt und blieb auch während des gesamten Totenbetens einschließlich des Singens bequem sitzen. Zwischen Altar und Tabernakel stand auf einer Staffelei ein riesiges Photo des Verblichenen, angestrahlt von einem Bodenscheinwerfer. Das ist so eine Masche unseres neuen Beerdigungsunternehmers, mit der er den rührselig veranlagten Leuten ohne liturgischen Sensus das Geld aus der Tasche zieht. 
So jagte nun eine Meditation über Leben und Leben lassen und Abschied nehmen die andere. Besonders unangenehm ist folgendes: die Theologen-Organistin und ihre Gehilfin nehmen ein Funk-Microphon mit auf die Orgelbühne und beten von dort oben. So wird man des Vorbeters nicht ansichtig, die Stimme kommt "aus dem off" und man meint die ganze Zeit, eine stimmungsvolle Radiosendung zu hören. Schlimm. Obwohl das neue Gotteslob in hiesiger Erzdiözese über einen gut sortierten Diözesananhang mit Arme-Seelen-Liedern verfügt, wurden sie bis auf das unvermeidliche "Wir sind nur Gast auf Erden" nicht mehr gesungen. Dafür erprobte die theologisch vorgebildete Organistin zwei neue merkwürdige Lieder aus dem Stammteil, die keiner konnte und mitsang. Gesang kam sowieso nur von der Restgemeinde, die Anverwandtschaft saß und schwieg vor sich hin. "Jesu Dir leb ich", war wahrscheinlich als Zuckerstückchen für die Ewiggestrigen gedacht. Nachdem man dann auch noch den letzten Grundsatz der Totenliturgie gänzlich vergessen hatte und  "uns der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist" mit der Stimme aus dem off gesegnet hatte**, kam das Schlußlied. Bislang immer das von allen eifrig gesungene "Herr, gib Frieden dieser Seele!" Nun denn, diesmal wurde es nicht gesungen. Dafür sang man "DER MOND IST AUFGEGANGEN", Strophe 5 bis 7! Daß der Gesang mehr als kläglich war, konnte mich nicht mehr trösten. 
Jedweder katholische Sensus ist in unserer Kirche infantiler Beliebigkeit gewichen. 
Man tut gut daran, seine eigene Beerdigung bis ins kleinste Detail vorzuplanen. Vor dem sogenannten "Seelenamt" am heutigen Nachmittage fürchte ich mich jetzt schon...

* Das Arme-Seelen-Gesätz wird dem schmerzhaften Rosenkranz angehängt und hat folgendes, leicht verändertes Ave-Maria:
"Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit Dir. Du bist gebendeit unter den Frauen, und gebendeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus, der sich der Armen Seelen erbarmen wolle. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für die Armen Seelen im Fegefeuer, auf daß sie bald erlöset werden."

** Nachkonziliare Unsitte, am Ende von Requiem und anderen Totenliturgien den Segen zu spenden. Aller Segen gehört in diesen Liturgien den Armen Seelen zugewendet. Früher sagte man: "Den Armen Seelen nicht den Segen stehlen." Beim Totenbeten kann grundsätzlich kein Segen gegeben werden, da es Laien abhalten. Auch die erwähnte Form "segne uns" ist definitiv nicht zulässig!

Kommentare:

  1. "Man tut gut daran, seine eigene Beerdigung bis ins kleinste Detail vorzuplanen" ... wie wahr, denn ansonsten ist, wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, neben dem erhofften Platz im Himmel auch mit banalen Abschiedsritualen zu rechnen, ausgeheckt von unseren findungsreichen Theologen, ganz nah am Menschen natürlich und soweit wie möglich weg von unserer armen Seele ...

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  2. Ich stelle seit Jahren fest und die Tendenz verschäft sich weiter, daß auch junge Priester bzw. Neupriester nicht mehr in der Lage sind eine normale (Sakraments)Andacht zu halten.
    Sie kennen aus ihrer Ausbildung offenbar nur noch zwei Formen: Eucharistiefeier und Wortgottesdiest/Wort-Gottes-Feier. Wollen sie nun eine Andacht „gestalten“ dann nehmen sie diese Grundgerüst eines Wortgottesdienstes mit Bußakt, Kyrie, Lesung, Antwortgesang, Text-Hier-Meditaiton-Da zu Hilfe. Zwischendurch gibt es jeweils ein Liedchen und fertig ist die „Andacht“ — Nein! Ist keine Andacht. Das ist ein Wortgottesdienst und das ist was anderes als eine Andacht.

    Beim Totengebet wird es dann ebenso absurd:
    Es passiert nämlich das Gleiche auch beim Totengebet: Dieses wird in das Grundgerüst eines Wortgottesdienstes gepresst.
    Da ist dann kein Platz mehr für einen Rosenkranz.
    Arme-Seelen-Lieder sind sowieso verpönt; es wird vielmehr versucht – statt die Trauer aufzugreifen und zuzulassen – nur noch auf die Auferstehung zu gucken. Da singt man man eben nicht mehr „Herr gib Frieden dieser Seele“, sondern ganz im österlicher Freude: „Halleluja voll Entzücken, darf ich nun zum Himmel blicken.“

    Es ist leider wahr, daß sich langsam auch in der Kirche die Unart durchsetze, den Tod aus dem Gedächtnis zu verbannen.

    Bei „trauer.de“ gibt es im Downloadbereich eine Bestattungsverfügung. Inzwischen scheint es mir tatsächlich angebracht, so etwas in der Art (Text muß man anpassen) festzusetzen. Sonst ist nicht mehr davon auszugehen, daß man ein gescheites Begräbnis bekommt.

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  3. Ich kenne die ganze Misere natürlich auch selbst, aber dennoch hat mich dieser Text tieftraurig gemacht. Die Tage dachte ich erst daran, dass man postmortalen Riten eigentlich mal festsetzen müsste...

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    1. Bei „Frömmigkeitsübungen“ ist es immer etwas schwierig, diese festzuschreiben, zumal sie sehr viel mit lokalen Traditionen zu tun haben.

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  4. Danke für diesen Zustandsbericht; könnte 1:1 auch auf unser Dörfchen zutreffen.
    An Steigerungsstufen gibt es noch die Diashow, mit Bildern der bikinitragenden Oma in Jesolo, sowie selbstverfasste "Abschiedsgedanken" in der Videobotschaft verlesen...

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