Donnerstag, 8. Mai 2014

Kleinstadtbeerdigung mit Taschenaspergill im Baumgemeinschaftsgrab

Gestern wurde mir wieder einmal schlagartig bewußt, daß die "neuen Zeiten" nun auch auf dem Dorfe angekommen sind. Wir mußten mit dem Schützenverein an einer Beerdigung eines Schützenbruders in einer kleinen Bergstadt an der Grenze zum Kurkölnischen teilnehmen. Der Mann lebte dort mit seiner Frau seit einiger Zeit bei einer Tochter. Nun ist das auf dem Dorf ja recht einfach: Seelenamt, Prozession zum Friedhof (mit oder ohne Sarg oder Aschentöpfchen oder so), Beisetzung, fertig.  Denkste! Neue Zeiten! Pastorale Räume! Fatale Folgen!
Wir kamen in die Kirche und wurden vom ständigen Diakon um die 70 (ordentlicher Chorrock, schwarze Stola) aufgefordert, doch nicht in die dritte, sondern in die erste Bank der Frauenseite zu kommen. Nun ja, wenn er meint. Tun wir das also. Dabei waren wir ja schon von der Regel abgewichen. Normalerweise hätten wir ja hinter die Anverwandten auf die Männerseite gehört. Aber da will ich nicht kleinlich sein, es gibt schließlich örtliche Verschiedenheiten von alters her. Die Schützen und etwa 4 Nachbarinnen waren sowieso die einzige Schar Gläubige auf dieser Bankseite. Auf der Männerseite (für Nicht-Westfalen: vom Turme aus rechte Bankreihe) saßen die Anverwandten, deren einziger Kirchgänger sich gottlob so gesetzt hatte, daß sich die anwesenden Heidenkinder modernen Katholiken mit Stehen und Sitzen nach ihm richten konnten.
Nun betrat, ohne Sakristeiglocke, der Diakon mit zwei recht ahnungslosen Ministranten die Bühne den Chorraum. Die Feier lief dann so ab:
-Neugotische Propsteikirche. Neugotischer Hochalter kastriert zeitgemäß angepaßt: Mensa weg, Tabernakel weg. Tabernakel im linken Seitenschiff. Seitenaltäre weg. Na ja.
-Küster sehr ordentlich: selten so gut geputzte Messingleuchter gesehen, wie dort. 
-Urne mit Bild des Verblichenen in Freizeitkleidung rechts vor dem Volksaltar.
-Lied: "Wir sind nur Gast auf Erden."
-Diakon am linken Ambo: Lebensgeschichte des Verblichenen, daß er doch so gern Fußball geguckt hat und immer mit seinem Hund spazieren gegangen ist und ein lieber Vater war und so weiter bla, bla, bla.
-Diakon am rechten Ambo: Gebet
-Diakon setzt sich, Ministranten sitzen immer noch breitbeinig, einer gähnt ständig.
-Schwarz gekleidete Stöckelschuhdame um die 65 mit Häkelkappe und 20er-Jahre-Vamp-Frisur betritt die Bühne den Altarraum und entert das rechte Ambo.
-Diakon: "Und nun hören wir eine Lesung aus dem Buch "Wildschütz Klostermann", daß der Verstorbene immer so gern gelesen hat!"
-Es folgen, dramaturgisch korrekt aber natürlich deplaziert, zehn Seiten aus diesem Buche:
Servais, Georg: Wildschütz Klostermann. 5. Aufl. Paderborn, Junfermann 1978.
-Es dauert zu lang. Der Diakon rutscht auf der Sedilie hin und her und guckt genervt. Ich schon lange...
-"Es" ist fertig mit ihrer Wilderer-Lesung. Wir singen "Fest soll mein Taufbund immer stehen" - alter Text. Gottlob. Allerdings ist das kein Arme-Seelen-Lied...
-Diakon am rechten Ambo: Lesung. Meßdiener schlafen und kommen mit Akolythenleuchtern angerauscht. Diakon guckt mißbilligend über seine halbe Brille, läßt sie aber gewähren.
-Lied: "(H)Alleluja voll Entzücken Vertrauen"... Eigentlich Credo-Lied der Himmelfahrtsmesse, neuerdings aber Arme-Seelen-Lied. Nun ja.
-Diakon am linken Ambo: Gebet.
-Diakon am rechten Ambo: Evangelium, ebenfalls mit Akolythenleuchtern.
-Diakon am linken Ambo: Liedankündigung.
-Lied "Wie freue ich der Botschaft mich" eigentlich Eingangslied der fünften Singmesse (für Kirchweih), aber was solls, ist ein schönes Lied, kann man auch zur Beerdigung singen.
-Diakon am rechten Ambo: Fürbitten.
-Bemerkung eines Schützen: "Der kriegt ja Kilometergeld!"
-Orgelspiel
-Diakon am Altar: Gebet und Schlußsegen. Nun ja, daß man den Armen Seelen den Segen klaut, ist man ja in der erneuerten Liturgie schon gewohnt.
-Schlußlied (bitte festhalten): Großer Gott, wir loben Dich, Str. 1,5,6. Man sage mir jetzt bitte nicht, in Str. 6 komme doch das jüngste Gericht vor, das passe doch.
-Fahrt zum Friedhof, der nur 200 Meter entfernt liegt. 
-Meßdiener haben zwischendurch schon Feierabend gemacht.
-Diakon nimmt Beisetzung in einem "Baum-Gemeinschaftsgrab" * vor.
-Ende der Feier
-Kaffeetrinken. Kaffe sehr gut, Kuchen auch, Schnittchen ebenfalls. Stimmung gut.

Um vernünftig beerdigt zu werden, bleibt einem heute wohl nur, unter Strafandrohung festzulegen, in der außerordentlichen Form des römischen Ritus beerdigt zu werden und auch das Seelenamt in diesem Ritus festzulegen. Alles andere geht mit fast tödlicher Sicherheit voll daneben...


*Kannte ich bis gestern auch nicht. Liegt auf dem Freidhof zwischen normalen Sarg-Gruften und hat auch die Größer einer Dreier-Gruft. Auf der Fläche steht ein neu gepflanzter Baum. Um ihn herum werden die Töpfchen Urnen verschiedener Leute beigesetzt. An einer Marmorstele kleben die Messingschildchen mit Namen und Daten. Die Fläche ist mit Rindenmulch bestreut. Blumen und Kerzen dürfen (außer zum Begräbnis) nicht aufgestellt werden.

1 Kommentar:

  1. Wenn meine Hinterbliebenen auf meiner Beerdigung "Großer Gott wir loben Dich" anstimmen würden, würde ich sie auf der Stelle enterben. -)

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