Dienstag, 5. November 2013

Judaskerzen

Ehrlich gesagt: Bis gestern kannte ich auch keine Judaskerzen. Zumindest wußte ich nicht, daß man sie so nennt. In England scheint die Bezeichnung bekannter zu sein als bei uns. Was aber nun sind "Judaskerzen"?
An diesen Gerätschaften scheiden sich seit jeher die Geister. Altarkerzen haben naturgemäß die Eigenschaft, immer kürzer zu werden. Auf hohen Leuchtern aber sehen Kerzenstummel nicht gerade gut aus. Die Sparsamkeit erheischt es aber nun einmal, Kerzen ganz abzubrennen. 
Das Dilemma rief schon vor langer Zeit katholische Ingenieure auf den Plan. Es entstand die "Zeiger-Immergrad-Kerze". In einer künstlichen Kerze aus Blech oder Kunststoff befindet sich ein Metallrohr, in dem eine Feder eine handelsübliche Haushaltskerze emporschiebt. Wird sie zu kurz, kommt oben aus der Kunstkerze ein Metallstift, der Zeiger, hervor und mahnt den Kerzenwechsel an. 
Seit Jahren schon gibt es auch Einsätze, in die Flüssigwachs eingefüllt wird. Da muß man dauernd den Docht weiter emporziehen, was, wenn der Küster es vergaß, schon so manches Chorhemd experimentierfreudiger Ministranten "versaut" hat. 
Es scheint aber auch noch eine angelsächsische Variante dieser Kerzen zu geben. Dort wird auf eine künstliche Kerze die kurze echte Kerze aufgesteckt. Die "Kerze" kann somit immer nur bis zur Hälfte oder bis zu zwei Dritteln abbrennen. Vorteil: Hier brennt tatsächlich eine echte Kerze, die nur künstlich verlängert ist, während bei den erstgenannten Versionen Aus Blech und Plaste Vollblut-Liturgiker regelmäßig in Schnappatmung verfallen und  nach der Ritenkongregation rufen. 
Nachteil: der Übergang von künstlicher zu echter Kerze muß durch ein Zierschild verdeckt werden, daß nun geschmacklich auch wieder nicht jedermanns Fall ist.


Kleiner Tip für Romreisende: 
In dieser Kirche habe ich die wohl längsten Judaskerzen in Funktion erlebt!

Viel Spaß beim Basteln, ich geh' jetzt Besenstiele und dicke Muttern kaufen!

Kommentare:

  1. Na ich weiß ja nicht. Also ich habe mit künstlichen Verlängerungen immer so meine Schwierigkeiten, seien es Kerzen, Haare oder sonstwas... ;-)

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  2. Bei Akolythenleuchtern finde ich die Federwerkskerzen sehr vorteilhaft. Wenn ich daran zurückdenke, wieviele Altardecken, Teppiche, Chorröcke und was sonst noch man als kleiner Dotz mit großem Leuchter bekleckert hat...
    Als Altarleuchter muß es aber wirklich nicht unbedingt sein.

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  3. Es gab aber auch solche Sprungfederkonstruktionen mit denen man mit einem Handgriff den Oberteil des Flambeaux samt Glaskuppel Richtung Chorraumhimmel befördern konnte...
    Übrigens hatte selbst der Hohe Dom in meiner Erinnerung zumindest früher mal Einsatzkerzen auf dem Hauptaltar. Die Küster begründeten das mit den Windverhältnissen, die normale Kerzen angeblich in kürzester Zeit auf ein Mindestmaß schrumpfen ließen.

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  4. Stimmt! Der ganze Dom hat echte Kerzen, nur auf dem Hauptaltar stehen Kunststoffkerzen. Die Sache mit der Zugluft stimmt übrigens. Zu Libori, wenn auf dem Festaltar auch die langen Kerzen auf den Silberleuchtern stehen, hat man den direkten Vergleich.
    Die Sprungfederflambeaus sind in unserer Pfarrei noch immer in Gebrauch. Wenn es nicht so einen massiven Ärger gegeben hätte, hätten wir sie ja durchaus öfter "schnacken lassen".

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