Freitag, 24. August 2012

Christus in Borja

Die Dame tut mir leid. Ganz ehrlich. Da kümmert sich jahrelang, aus welchen Gründen auch immer, niemand so recht um die immer mehr abbröckelnden Wandbilder einer spanischen Kleinstadtkirche. Das geht so lange, bis es die über achtzigjährige Nachbarin nicht mehr mit ansehen kann, wie der Heiland abbröckelt und -zugegeben in maßloser Überschätzung der eigenen künstlerischen Fähigkeit- selbst zum Pinsel greift.
Das Ergebnis ihrer Restauration ist gelinde gesagt katastrophal, denn Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, wie die Altvorderen sagen. Das Gemälde ist nun, banal gesprochen, hinüber.
Kaum stand die Geschichte in der Zeitung, stürzte sich die internationale Internetwelt in ihrer vorgeblichen Klugheit auf die alte Dame. Und nun lacht sich die ganze Welt über Sie und ihr "Restaurierungswerk" kaputt. Das Internet kann sehr gemein sein. Am sachlichsten fand ich noch diesen Bericht. In der Süddeutschen Zeitung kann man Vor- und Nachzustand vergleichen.
Der unrestaurierte Vorzustand, der offensichtlich keinen der Verantwortlichen interessierte, war allerdings auch eines Gotteshauses unwürdig. Es bleibt dabei, die Oma hat mein volles Mitgefühl. Sie hat es nur gut gemeint, und jetzt lachen sie die Leute aus und die Fachwelt empört sich. Man hätte sich besser vorher über den schlechten Zustand empört, als jetzt über die alte Frau. Eines scheint mir aber sicher: Wenn diese Frau einmal vor ihrem ewigen Richter erscheinen muß, wird er ihr ihren guten Willen gewiß anrechnen. Ob der Rest der Welt dann für sein schmutziges Lachen ein Fleißkärtchen bekommt, wage ich allerdings zu bezweifeln...
Jetzt gehe ich noch einen Schritt weiter:
In den letzten hundert Jahren wurden in vielen Kirchen mittelalterliche Wandmalereien wiederentdeckt. Da der Zustand zumeist grauenhaft schlecht war, wurden sie historistisch restauriert. Für einen Kultraum m. E. nach die einzig akzeptable Lösung. Seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wird nun allerorten die Historismusmalerei wieder abgenommen und den Augen der Gläubigen das Original, bzw. das oft sehr wenige, was davon nach Jahrhunderten übrigblieb, zugemutet. Diese Überreste mögen oft wertvoll sein, eines Kultraumes würdig sind sie nach wie vor nicht. Ich möchte nicht in einer Kirche beten müssen, die aussieht, als hätten gerade die Schweden unter Gustav Adolph in ihr gehaust. Und ein Heiliger ohne Kopf, wenn es nicht gerade St. Dionysius ist, gehört nicht mehr in die Kirche, sondern ins Museum. Eine ordentliche, historistische Gipsfigur ist mir für meine Andacht allemal lieber als mittelalterliche Kultbilder, die der Holzwurm mehr oder weniger zerlegt hat. Man wird mich nun auch einen Kunstbanausen schelten. Damit kann ich aber leben.

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